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20 Jahre Salzwedeler Stadtführer
0 Kommentare | Veröffentlicht von Jutta Jaeger in 20 Jahre Salzwedeler Stadtführer
Am Anfang war die Wende – Salzwedeler Stadtführer erinnern sich: Ein Rückblick zum 20jährigem Jubiläum
In einer Zeitung vom 13. November 1989 steht geschrieben, dass „Die Altmark leer gewesen sein muss, am Freitag hat die Arbeit weitgehend geruht und am Sonnabend fiel die Schule aus“. Tausende Altmärker waren auf dem Weg nach Bergen, ob sie nun mit dem Auto, dem Fahrrad oder zu Fuß die offene Grenze überschritten – es überwältigte alle! Dieses Jahrhundertereignis in Deutschland bekam später einen Namen: Massengrenztourismus.
An diesem Wochenende passierten exakt 1111 Fahrräder die Grenze nach Niedersachsen, wie der Bundesgrenzschutz zählte. So nimmt es nicht Wunder, dass schon im Dezember 1989 die Städte Lüchow und Salzwedel ein grenzüberschreitendes Interesse an Möglichkeiten des Radtourismus bekundeten.
Jetzt, im Jahre 2010 ist es nichts besonderes mehr auf neuen Radwegen oder „wieder zusammengefügten Straßen“ und Waldwegen zu radeln, zu reiten oder spazieren zu gehen.
Vor 20 Jahren im Frühling wurde die Salzwedel – Information in der Neuperver Straße eingerichtet. Die erste Reisegruppe aus Niedersachsen, die von der Information vermittelt wurde, kam damals mit einem „schlafsesselbestuhlten Reisebus“.
Fast zeitgleich endete die erste Stadtführerausbildung unter der Leitung von Frau Ingelore Fischer und Herrn Peter Fischer. Das Ehepaar Fischer hat bei allen Stadtführern den Grundstein für eine ständige persönliche Auseinandersetzung mit der alten und neuen Geschichte der Hansestadt Salzwedel gelegt.
Am 8. Mai wurde den ersten Salzwedeler Stadtführern die Urkunde in den Gewölben der damals noch vorhandenen Bergschloss – Brauerei überreicht. Von diesen Stadtführern der „ersten Stunde“ sind noch immer einige aktiv tätig, sei es durch Pressearbeit, Aufsicht in Kirchen und natürlich bei Stadtführungen. In den folgenden Jahren wurden in der Volkshochschule weitere Stadtführer ausgebildet, denn es kamen inzwischen viele Busse, auch die ersten Radfahrgruppen reisten an.
Ein STAMMTISCH DER STADTFÜHRER wurde 1994 gegründet. Hier ging es um Weiterbildung, Erfahrungsaustausch untereinander und neue Ideen für außergewöhnliche Führungen.
Die 1. Mitternachtsführung war geboren, sie lief noch unter dem Motto: „Hört ihr Leut´und lasst euch sagen …“ und fand 1996 statt. Man erwartete so 30 – 50 Zuschauer zur Mitternachtsstunde. Das wäre schön, dachte man, dann hätte sich die Mühe gelohnt! Tatsächlich aber kamen rund 350 Besucher, die Geister, Gespenster und grausige geschichtliche Stätten und Taten erleben wollten.
Es folgten weitere Mitternachtsführungen, dazu gab es „den Geleitbrief, den Ablassbrief, den Brückenfreibrief, auch Jeetzewasser oder Hexentrunk“ konnten erworben werden – selbst „Nonnenförzchen“ waren mit im Angebot.
Dann 1998, die Nachricht in der Presse: „Sie sind eine tolle Truppe, die Salzwedeler Stadtführer. Nicht nur, dass sie täglich den Besuchern Interessantes über die Hansestadt erzählen. Sie haben es jetzt auch in das „Guinness-Buch der Rekorde geschafft.“
Der Rekord, dass 800 Personen am 24.7.1998 gleichzeitig an einer Mitternachtsführung teilnahmen, wurde anerkannt. Die Aktion der 13 Stadtführer, im Alter zwischen 40 und 70 Jahren, hatte die Redaktion des Guinness-Verlages in Hamburg überzeugt.
Die Führungen – koordiniert von der Stadtinformation – wurden inzwischen von Vereinen profihaft unterstützt [zum Beispiel Pferd und Reiter - Albrecht der Bär] und die szenische Gestaltung der Historie kam so gut an, dass Touristen aus Uelzen, Berlin und Hannover bereits nach Nachauflagen fragten.
Bei der Stammtischsitzung am 11.11.1999 begannen die Vorabsprachen der nächsten und dieses Mal aufwendigsten „Mitternächtlichen“.
Eine Urkunde, die Kaiser Heinrich V. (1106-1125) im Jahre 1112 nach einer Belagerung ausstellen ließ, gilt als die älteste schriftliche Quelle für Salzwedel.Geschichtlicher Hintergrund für die Mitternachtsführung war das Ende der Belagerung der Burg Salzwedel durch Heinrich V. – auf den Tag genau vor 888 Jahren. Die Aufführung fand Freitagnacht des 16. Juni 2000 statt. Motto: „Habet 8 auf die Burgw 8 Soltwidele!“ Als Akteure reichten sämtliche Stadtführer, einschließlich aller Familienmitglieder nicht mehr aus. Verwandte, Freunde, Bekannte und Kollegen aus der Stadtverwaltung ließen sich gerne überzeugen, bei diesem Spektakel mitzumachen.
Es ging um 64 Einzeldarsteller, dazu Pferde und Wagen, Reiter, Ritter und Krieger, Musikanten, Tänzerinnen, Hökerfrauen und Kräuterweiblein, selbige boten am Puparschbierbrunnen „unter der Hand potenzsteigernde Mittel mit dem großen V“ an. Mit dabei waren auch die Ton+Licht Technik, Gewandschneider, THW, Verkehrspolizei, Feuerwehr und für die Zeit nach der Stadtführung – geöffnete Gasthäuser.
1167 Besucher wurden gezählt – sie alle mussten eine schmale Brücke vor der Bühne passieren, so konnte man sie – außer den Seiteneinsteigern – erfassen. Dieses Mal waren auch das MDR Fernsehen und der Offene Kanal Salzwedel dabei. Das war wichtig, denn noch einmal wollten wir versuchen, mit dieser Führung in das Guinness – Buch 2002 zu kommen.
Am 17. September 2001 konnten wir dann in der Zeitung lesen: „Die Stadtführer hatten sich selbst überboten“. Erneuter Rekord! Mit dieser Aktion gelang es der Stadtführertruppe um Arno Sommerfeld wiederum in das „Guinness World Records 2002“ eingetragen zu werden.
Nicht nur in den neunziger Jahren waren die Mitternachtsführungen absolute Höhepunkte für die vielen Zuschauer aus nah und fern. Ein Besucher aus Hann.-Münden schrieb in der Salzwedeler Presse: „Stadtführung mit viel Witz und Engagement …, die exakte Planung und Durchführung unterstrichen die Reize einer schönen alten Stadt“.
Weiterbildung der Stadtführer fand und findet zu jeder Zeit statt. Wir besuchten Vorträge über „Bau- und Architekturgeschichte“, „Altmark – Wiege Preußens“, „Geschichte lebendig vermitteln“ und weitere Themen. Wir unternahmen eine Bildungsfahrt nach Wismar zur Ausstellung „Wege zu Backsteingotik“ und nach Stade, denn immerhin regierten Markgrafen von 1056 bis 1133 aus dem Hause der Grafen von Stade auf der Salzwedeler Burg.
Besuche in den Berliner Museen, dem Kunsthistorischen Museum Magdeburg, zur Himmelsscheibe von Nebra im Museum in Halle, dem Danneilmuseum Salzwedel und dem Stadtarchiv Salzwedel, sind ebenso (freiwillige) Pflicht – wie die Mitarbeit am „Tag des offenen Denkmals“ und an Hansesymposien- und Festen, um auf dem „Laufenden“ zu bleiben.
Zweimal im Jahr wurden gemeinsam Radtouren in der Altmark und dem Wendland unternommen. Wir besuchten Feldsteinkirchen, Hünengräber, den Klötzer Forst, Rundlingsdörfer und den Märchenpark an der Warthe. Jedes Jahr klingt weihnachtlich aus – dann sind alle Stadtführer ganz entspannt bei gutem Essen und Trinken, fröhlichem Gesang und einem Wissenstest (Quiz) bei der Sache!
Noch zweimal starteten wir eine Mitternachtsführung. Im Jahre 2002 lautete das Motto: „Salzwedel sagenhaft …“ Am 21. Juni 2002 – Freitagnacht – sollte möglichst bei Vollmond und klarem Himmel die Führung starten. Ein Astronomielehrer aus Salzwedel übermittelte uns „zu diesem Zwecke eine kleine astronomische Handreichung“ – die besagte, dass zu Beginn der Mitternachtsstadtführung sich - die sehr helle Venus als „Abendstern“ tief am West-Nord-West-Horizont beobachten lässt – und – außerdem haben wir Vollmond!
Mehr als 100 Aktive und Helfer hatten sich lange und gut vorbereitet. An Text und Handlung wurde gefeilt, zum Teil auswendig gelernt, vorher geprobt. Kostüme wurden viele selbst geschneidert und passende Requisiten gebastelt. Wieder wurden dabei alle Familienmitglieder eingespannt, auch als Darsteller, und dann standen die lebendig gewordenen „Sagengestalten“ auf den Bühnen oder Plätzen der Jeetzestadt und hatten offensichtlich Spaß an der Sache.
Die Mitternachtsstadtführung war wieder ein Erfolg – die Organisatoren vom Stadtführer-Stammtisch und der Touristinformation Salzwedel sagten – DANKE – bei allen Mitwirkenden, Helfern und besonders natürlich bei den wieder so zahlreich erschienen Gästen.
Dennoch – eine so riesige nächtliche Veranstaltung ließ sich nur mit Hilfe weiterer Unterstützer ausrichten. Ein besonderer Dank ging darum an die Erdgas-Erdöl GmbH, den aktiven Teilnehmern vom Reitverein St. Georg, den Pferden und Kutschen aus dem Perver, die uns schon jahrelang des Nachts begleiteten; der Jeetzelandschaftssanierung GmbH, den Banken und Geschäften, die die Hökerweiber ausrüsteten und den vielen freundlichen Helfern, die wir gar nicht alle anführen können!
Im Jahr 2004 fand unsere letzte „Mitternächtliche“ unter dem Thema „Bierkrieg- und – Frieden“ statt. Es war ein Zeitreise in das Jahr 1488, als in der Altmark der Bierkrieg tobte.
Die Mitternachtsstadtführungen waren eine Unterhaltung der ganz besonderen Art, sie bereiteten mit ihrer unkonventionellen und fantasievollen Mischung aus Geschichte und Geschichten vielen Zuschauern – nicht nur aus Salzwedel – ganz besondere Freude.
Eine Führung im Abendschein war am 18. September 2003 zu erleben. 20 Stadtführer, sowie Schüler aus der (damaligen) Käthe Kollwitz Schule und Musikschüler nahmen die Zuschauer mit auf eine „LiteraTour“ der exquisiten Art. Man traf auf Eulenspiegel, Professor Danneil, Grete Minde, Fontane, Bismark, Turnvater Jahn, die schöne Schulzenfrau aus Brietz und – nichts geht ohne unsere Hökerfrauen, die zu diesem Zwecke in Blaudruck erschienen, – um nur einige zu nennen. Vor historischer Kulisse dann zum Abschluss der Tour die Sage vom „Blutmahl“ in Verse gesetzt von Adolf Preuß, vorgetragen von eine Schülerin des Gymnasiums. Spätestens hier lief auch dem fröhlichsten Zuhörer ein geheimnisvoller Schauer über den Rücken.
Die Salzwedeler Stadtführer und ihre Helfer mögen ihre Stadt, darum wollten sie stets etwas Besonderes auf die Beine stellen – und das nächste Abenteuer winkte bereits: es war der 28. Internationale Hansetag, der , wie von unserem hauseigenen Astronomen vorhergesehen, bei „Kaiserwetter“ vom 5. bis 8. Juni 2008 stattfand.
Ab dem Jahre 2004 begann noch einmal ganz intensiv das Studium zur HANSE und zur Stadt Salzwedel. Buchhändlerin Helga Weyhe wurde Ehrenmitglied des Salzwedeler Stammtisches, die Adlerapotheke bis ins Kellergewölbe erforscht, die Geschichte der Salzwedeler Rathäuser vom Stadtarchivar beleuchtet und Einblicke in die Museumsarbeit werden gewährt. Thema: „Geschichte kostet viel Zeit“. Professor Friedrich Meinecke wird anlässlich des 50. Todestages geehrt, das 100 jährige Jubiläum der prächtigen Freydanck´schen Villa – unserer Stadt-und Kreisbibliothek- festlich miterlebt und die Restaurierung der Turley – Orgel in der Mönchskirche durch die Salzwedeler Handwerkerschaft mit finanzieller Hilfe angeschoben.
Auch der 200. Geburtstag von Luise Lentz am 15. Oktober 2004 wurde gefeiert und zum „Tag des Baumkuchens“ erklärt. Im Jahre 2004 wird aus der Heinrich-Heine-Schule das Bürgercenter, der kleine Schulplatz zum Parkplatz, der große Platz davor wurde Marktplatz.
Bis zum Jahre 2008 wurde jährlich in den Hansesymposien vielfältig für den hanseatischen Gedanken geworben, das Blechbläserquintett „Hanseatic Bress“ bot öffentliche konzertante Proben in Sakralbauten an, Kindergärten und Schulen meldeten verstärkt Stadtführungen an. Nach zweijähriger Umbauzeit wird das Kulturhaus im Herbst 2005 feierlich übergeben.
In den Jahren 2006 und 2007 ging es auf der Zielgeraden in Richtung Hansetag. Nicht nur die Stadtverwaltung stand vor der Planung und Ausführung eines sehr großen internatonalen Ereignisses in Salzwedel. Zum ersten Mal in der Geschichte der Hanse der Neuzeit hat der Internationale Hansetag in einer so kleinen mittelalterlichen Stadt stattgefunden und noch niemals waren 124 Hansestädte aus 14 europäischen Nationen zu Gast! Es war ein grandiose Fest.
Inzwischen ist längst der Alltag wieder eingekehrt. Es ist alles wieder in alten, vertrauten Bahnen. Reisegruppen kommen immer noch gerne in unsere Stadt, aber die Gruppen sind kleiner geworden.
In unserer Stadt gibt es nach wie vor reichlich kulturelle Höhepunkte. Kunsthandwerkliche Ausstellungen und Konzerte – erinnert sei nur an das Bachkonzert mit der weltbekannten Geigerin Baiba Skride in der Mönchskirche, die Theater- und Tanzvorstellungen, die Hansefeste, Veranstaltungen der Stadtgeister [Martinsfest] und der Werbegemeinschaft.
Ein beachtenswertes fünfhundert jähriges Jubiläum in Salzwedel soll noch erwähnt werden: der Hochaltar in der St. Marienkirche wurde 1510 geschaffen. Der dreiflügelige Schnitzaltar hat eine Höhe von sechs Metern und füllt mit seinen acht Metern fast den gesamten Chorraum aus.
Zum guten Schluß: Da in Salzwedel nicht nur die Stadtführer wichtiger Tage und Ereignisse gedenken, noch einige Blicke für die nächsten fünf Jahre voraus.
Vor 900 Jahren am 16. Juni 1112 wird Salzwedel erstmals urkundlich erwähnt. Das ist ganz sicher für das nun viel größer gewordene Salzwedel ein Grund zum Feiern!
2013 blickt Salzwedel auf 750 Jahre Hansemitgliedschaft zurück und auf die Zusammenlegung 1713 der Alten und Neuen Stadt Salzwedel.
Wir werden uns sicher 2014 an die Verleihung des Münzrechtes vor 700 Jahren erinnern und des Geburtstages von Jenny Marx, geb. von Westphalen, am 12. Februar 1814 gedenken.
2016 ist Salzwedel dann seit 200 Jahren Kreisstadt.
