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Okt/06

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Salzwedel und die Hanse

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Warum eigentlich schon wieder Aufzeichnungen zur „Hanse“ – und insbesondere zu „Salzwedel und die Hanse?“ Ein Grund ist schnell gefunden: die Stadt Salzwedel war vom 5. Juni bis 8. Juni 2008 Ausrichter des 28. Internationalen Hansetages der Neuzeit sein. Das Motto dieses Hansetages lautete: Zukunft trifft Vergangenheit. Wir waren Gastgeber für viele Hanseaten aus Norwegen, Schweden, Russland, Polen, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Frankreich, den Niederlanden und natürlich auch aus Deutschland.

Drei Fragen sollen hier kurz entsprechend dem Motto = Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. beantwortet werden:

  1. HANSE -> Was und wann war das eigentlich?
  2. HANSE -> In Salzwedel – und wie lange?
  3. HANSE -> In dieser „neuen“ Zeit – auch in Salzwedel?

Ich danke sehr dem Stadtarchivar, Herrn Steffen Langusch, der mich jederzeit mit Informationen und Quellen zur Hanseatischen Geschichte unterstützt hat, und der Salzwedeler Buchhändlerin, Frau Helga Weyhe.

Die mir überlassenen alten Aufzeichnungen von Herrn Gerhard Franke(†) habe ich meistens wörtlich übernommen.

Die Alte Hansestadt Salzwedel

Die Alte Stadt Salzwedel entstand sehr früh im Schutze der Burg. Hier ist es der vermutlich um 1250 in Backstein errichtete Burgturm, der mit zu den bekanntesten Stadtansichten gehört. Der heutige Bergfried ist etwa 25 Meter hoch. Er war ursprünglich 4,5 Meter höher und besaß ein spitzes Kegeldach. Dieses Kegeldach wurde bereits im Jahre 1736 „vom Sturm hinabgeworfen“.

Als man im Jahre 1812 versuchte, das Bauwerk abzutragen, vernichtete man die einzigen ornamentalen Verzierungen, die Aufschluss über die Zeit der Errichtung des Turmes gegeben hätten. Die Mauerstärke beträgt im Erdgeschoss 3,60 Meter und im oberen Geschoss 2,90 Meter. Der Eingang zum Bergfried befand sich in 12 Metern Höhe. Er gilt als das älteste öffentliche Gebäude der Stadt Salzwedel.

Auch die Propstei, das Hauptgebäude mit reich verzierter Fachwerkfassade und dem davor stehenden Treppenturm, war vor der Kirchenvisitation 1541 ein öffentliches Gebäude. Als Propstei bezeichnete man den Bereich, an dem sich der Sitz eines Propstes befand, der hier zum ersten Mal im Jahre 1223 genannt wird. Diese gehörte zum Bistum Verden. Nach der Reformation ging die Propstei in den Besitz der Familie von der Schulenburg über. Bis in das 20. Jahrhundert blieb sie gräflich – schulenburgisches Eigentum. August Wilhelm Pohlmann (Historiker 1767-1854) schrieb über dieses Haus: Es ist ein hohes, ansehnliches Gebäude im antiken Geschmack gebaut, welches jedoch von fern freundlich ins Auge fällt“. Die Propstei, so wie sie jetzt noch da steht, ist im Jahre 1474 von dem damaligen Propst Johann Verdemann erbaut worden. 1928 erfolgte der Verkauf an die Stadt Salzwedel, in deren Besitz sie sich noch heute befindet. Im Jahre 1932 wurde in den Räumen des Hauses das Johann-Friedrich-Danneil-Museum eröffnet.

Der Propstei zugehörig befindet sich daneben noch ein Gebäude aus dem 15./16. Jahrhundert – die Zehntscheune. Ein Speichergebäude mit massivem Unterbau und reich verziertem Fachwerkgiebel, das als „Abgabenspeicher“ gedient haben soll.

Zu den ältesten Häusern der Alten Stadt gehört das Hochständerhaus. Es wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut. Charakteristisch für Hochständerbauten sind die durchlaufenden Ständerbalken von der Schwelle bis zum Rähm.

Rund um die Marienkirche sind noch einige, teils sehr alte Fachwerkhäuser zu finden. Die prächtigen Eingangsportale weisen auf wohlhabende Familien hin, denn Türen galten als Visitenkarte des Hausbesitzers.

Eine besondere Schnitzerei ist noch im Portal eines Fachwerkhauses in der Schmiedestraße erhalten. Sie stammt aus dem Jahr 1534 und wurde im neu erbauten Haus 1840 übernommen. Der Torbogen ist als „Adam-und-Eva-Tor“ bekannt.

Das Münzrecht besaß Salzwedel seit 1314. Gemünzt wurde in einem Gebäude, das um 1500 aus Backstein errichtet worden war. Die hier, oder in einem Vorgängerbau, geprägten Münzen brachten der Stadt beträchtlichen Gewinn durch jährlichen Umtausch gegen neue. Nach dem verlorenen „Bierkrieg“ 1488 verlor die Stadt ihre Münzrechte.

Ein weiteres Backsteingebäude in der Alten Stadt -das ehemalige alte Rathaus- steht an der Fernhandelskreuzung Lüneburg – Magdeburg und Braunschweig – Hitzacker. Der jetzige Bau wurde 1509 auf den Fundamenten eines alten Rathauses aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaut. W. Pohlmann schreibt in der „Geschichte der Stadt Salzwedel: „die Stadt Salzwedel hat zwei Rathäuser, das eine auf der Altstadt, welches aber zu diesem Behuf nicht mehr im Gebrauch ist. Das Altstädter Rathaus liegt am Markte und zeichnet sich durch seine vielen Giebel und den zugespitzten Turm aus. Am Rathause selbst sieht man den großen Christoph in Stein gehauen und da derselbe sich auch in der Katharinenkirche der Neustadt in seiner ansehnlichen Länge zeigt, so ist man deshalb auf die Gedanken gekommen, dass er in alten Zeiten der Patron beider Städte gewesen, welches auch an und für sich selbst keine Unwahrscheinlichkeit enthält“.

Jahrhunderte hindurch wurden in diesem Gebäude wichtige Beurkundungen und Gerichtssitzungen durchgeführt. Hier wurden mit großem Geschick weitreichende Handelsverbindungen angebahnt und der Anschluss an die Hanse erreicht. Das alles waren Maßnahmen, die der Stadt Reichtum und Ansehen brachten.

Doch war das Rathaus auch Mittelpunkt der Geselligkeit. In den Sälen fanden Feste statt, die sorgsam vorbereitet und mit großem Aufwand gefeiert wurden (J. Beranek).

In der Festschrift zur 700 – Jahrfeier im Jahre 1933 kann man unter „Die Geschichte der Gewandschneider – Gilden in Salzwedel“ über den Verlauf eines großen Festes folgendes lesen: “Aus der Zeit im 1541 haben wir ein Verzeichnis der für die –Collation – so wird das Fest bezeichnet, angekauften Gegenstände. Darunter befinden sich: Stockfisch, Bitter, Käse, 2 Fette Ochsen,
14 gute Hammel, 12 Gänse, 7 Schock junge Hühner, 70 Schock frische Eier, Gewürze,6 Fass Meth, 304 Quart Rheinischer – oder guter Frankenwein (1 Quart=1,15 l), 3 Tonnen Hamburger Bier. Ferner finden wir Rechnungen für Ausgaben an Musikanten und Diener für Botenlohn, Trinkgelder, Fuhrlohn, Rosmarinkränze, Streukraut auf den Tischen usw.“

Alle Teilnehmer zusammen gerechnet, nahmen an dem Fest etwa 117 Personen teil, ob an allen Tagen, muss dahin gestellt bleiben. Bei solcher Teilnehmerzahl erklärt sich auch die große Menge der Einkäufe. Die Zahlen geben nur einen Überblick, sind aber für die Art des ganzen Festes wohl als typisch zu bezeichnen.

Zum Rathaus der Neuen Stadt schreibt Pohlmann folgendes: „Das Neustädter Rathaus liegt am Markte, da, wo die Breite und Perwerstraße in einander fallen. Es ist ein massives geräumiges Gebäude, dessen Erbauung im Jahre 1618 seine Endschaft erreichte. Es steigt bis zu drei Stockwerken hinauf.“ “Dem Rathause gegenüber ist ein ansehnlicher Turm, welcher im Jahr 1585 erbauet wurde. Oben, an demselben stehen zwei in Stein gehauene Männer in Lebensgröße, wovon der eine das Kurfürstlich Brandenburgische Wappen, der andere das Stadtwappen in den Händen trägt. An den Turm, um welchen oben eine Galerie umherläuft, schließt sich der Ratskeller an, der ebenfalls verpachtet und ehedem zum Weinschenken berechtigt war“.

Nachdem 1713 bei der Zusammenlegung der beiden Städte das Neustädter Rathaus zum kommunalen Mittelpunkt geworden war, wurde das Altstädter Rathaus überflüssig. Im Jahr 1855 verkaufte die Stadt das Gebäude an die Justizbehörde, die es als Kreisgericht nutzte (heute Amtsgericht).

Öffentliche Plätze gab es in Salzwedel nicht. Es gab aber drei Jahrmärkte, die in den Straßen der Stadt stattfanden. Der erste Krammarkt des Jahres fand zu Himmelfahrt statt, der zweite am Johannistag (24.06.). Der dritte ist der Dionysiusmarkt und bei weitem der beträchtlichste, wie Pohlmann schreibt. Er findet in der Woche mit dem 9. Oktober, dem Namenstag des Hl. Dionysius, statt. Dieser Markt ist sehr alten Ursprungs. Er wurde im Jahre 1351 urkundlich erwähnt.

Das ehemalige Handelshaus in der Neuperverstrasse ist das älteste Haus der Neuen Stadt. Dieses dreistöckige Haus, mit seinem hochaufragenden Straßengiebel und Flaschenzug, wurde im Jahre 1584 erbaut. Auf der Hofseite sind noch durchlaufende Hochständer zu finden. Es wurde als Wohn- und Geschäftshaus (Brennerei) seit Beginn des 20. Jahrhunderts genutzt. Überliefert ist,dass ein Vorgängerbau als Zins-Kornscheune der St. Katharinenkirche bis 1541 Getreide speicherte.

Das Terrakottenhaus in der Breiten Straße ist eines der schönsten Patrizierhäuser der Stadt. Dieses Gebäude wurde vermutlich an Stelle eines baufälligen Hauses erbaut. Die aus dem 16. Jahrhundert stammenden Terrakotten des abgebrochenen Hauses wurden in das jetzige dreistöckige Fachwerkhaus eingefügt.

Terrakottenhäuser gibt es auch in Lübeck, Lüneburg, Stralsund, Rostock, Wismar und in anderen norddeutschen Städten.

Architektonischer Höhepunkt des östlichen Häuserensembles ist ein dreigeschossiges Bauwerk mit massivem Unterbau, einem Obergeschoss in Fachwerkausführung und einem am Giebel angesetzten massiven Treppenturm. Diese ehemalige Lateinschule der Neustadt wurde durch Umbau eines Vorgängerbaues von 1570 bis 1573 gestaltet.

Ein Blick aus den Turmfenstern geht auf die alte Stadtmauer und die Wollweberstraße. Der Straßenname erinnert uns daran, dass Salzwedel Jahrhunderte hindurch als Tuchmacher- und Leineweberstadt seinen Wohlstand zum größten Teil diesen beiden Gewerben zu verdanken hat. Bereits im 13. Jahrhundert besaß Salzwedel eine blühende Tuchindustrie, die bis ins 20. Jahrhundert von Bedeutung war. Die Wollweberstraße war der Hauptsitz der Wollweberei.

Der einzige Binnenhafen der Altmark befindet sich in Salzwedel in einem geschichtsträchtigen Teil der Neuen Stadt. In der „Hohen Brücke“ steht der ehemalige Hansehof. Darin befand sich das Zentrum des Warenumschlages. Der Treppenturm vor dem Handelshaus im Hof wurde wahrscheinlich im 14. Jahrhundert errichtet. Er gehört zu den ältesten Baudenkmälern der Stadt.

Im Jahre 1263 wird Salzwedel in den Bund der Hanse aufgenommen. Die Stadt handelte in der Hansezeit vor allem mit Getreide, Hopfen und Bier. Das zweite „Standbein“ des Handels war die Tuchmacherei.

Sieben weitere altmärkische Städte traten der Hanse bei: Gardelegen 1358, Werben 1358, Havelberg 1358, Seehausen 1358, Stendal 1359, Tangermünde 1368, Osterburg 1436.

Die verlorenen Bierzieseaufstände der Altmarkstädte leiteten das Ende ihrer Hansezeit ein. Nachdem Kurfürst Johann Cicero die sich gegen die Biersteuer auflehnenden Städte im Handstreich bezwungen hatte, gehörte der Rückzug aus sämtlichen Bündnissen, auch aus der Hanse, zu den Friedensbedingungen. Salzwedel und Stendal hielten sich nicht daran, verringerten aber ihre hanseatischen Aktivitäten. 1518 kam auch das Ende ihrer Hansezeit mit dem Ausschluss der Städte.

Die Hanse

Was bedeutet “die Hanse”?

  • Der Begriff kommt aus dem althochdeutschen HANSA und bedeutet: Gefolge, Gruppe, Schar, im übertragenen Sinne also: Zusammenschluss von Kaufleuten.
  • Die Hauptziele dieses Zusammenschlusses der Kaufleute waren:
    • Gegenseitiger Schutz vor Überfällen durch Räuber
    • Erringen von ausländischen Handelsprivilegien
    • Förderung des Handels
    • Ausbau der Macht zur Monopolstellung im Handelsgebiet
    • Errichtung von Handelsniederlassungen (Kontore) in verschiedenen Städten im Ausland wie Bergen/Norwegen, Brügge, Nowgorod, London
  • Höchstes Gremium: DER HANSETAG – wurde im Jahre 1356 zum ersten Mal einberufen
  • Der Hansetag fand meistens in Lübeck statt, da die Stadt das „Haupt“ der Hanse war. Noch heute ist der Lübecker Bürgermeister der VORMANN DER HANSE. Die Verhandlungssprache war deutsch.
  • Der letzte HANSETAG hat im Jahre 1669 in Lübeck stattgefunden

Die Hanse ist der Vorläufer der heutigen Europäischen Union. Sie förderte die Marktbildung und Städteentstehung und damit auch das Handwerk, die Kunst und die Bildung. Viele Völker wurden mit lebenswichtigen Waren versorgt.

Ph. Dollinger schreibt in seinem Buch DIE HANSE 1976 folgendes:

„Die Geschichte der Hanse vollzog sich zwischen der Mitte des 12. und der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Deutsche Hanse, ein Zusammenschluss von norddeutschen Kaufleuten, wandelte sich in der Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer Städtegemeinschaft. Es gab in dieser Zeit auch in Italien Städtebünde, aber keiner von ihnen hatte eine so lange Lebensdauer und war so groß wie die Hanse. In Ihrer Glanzzeit gehörten nahezu 200 See- und Binnenstädte in einem Gebiet von 1500 km Länge zwischen der Ost- und Nordsee bis Thüringen zur Hanse.

Die Hanse entstand und blieb bestehen zum Schutz ihrer Kaufleute im Ausland und zur Erweiterung ihres Handels. Sie war die einzige Macht, die keine Souveränität besaß, denn sie blieb im Verband des Reichs. Ihre Mitglieder standen weiterhin unter der Gewalt kirchlicher und weltlicher Herrschaften. Da sie nie die Stellung einer juristischen Person inne hatte, verfügte sie weder dauernd über eigene Finanzen, noch über ein Heer oder eine Kriegsflotte. Sie besaß nicht einmal ein Siegel, eigene Beamte und Institutionen mit einer Ausnahme: – DES HANSETAGES, der übrigens selten und unregelmäßig zusammentrat und obendrein niemals vollzählig war.

Das Geheimnis der langen Lebensdauer der Hanse ist in dem starken Solidaritätsgefühl zu suchen, das die Mitglieder der Gemeinschaft jahrhundertelang einte. Dieser Zusammenhalt gründete sich auf den Willen, die Führung im Handel Nordeuropas zu übernehmen.

Die historische Aufgabe der Hanse war, den westeuropäischen Bedarf zu decken und umgekehrt Osteuropa mitund Salz) zu beliefern. westeuropäischen Erzeugnissen (vor allem Tuche

Die Hanse hatte solange Bestand, wie diese wirtschaftliche Gemeinsamkeit andauerte. Als Zeitpunkt für ihr Ende kann man das Jahr 1630 bestimmen, in dem der engere Bund zwischen Lübeck, Hamburg und Bremen geschlossen wurde, der tatsächlich an die Stelle der Hanse trat. Man schiebt ihn jedoch auf das Jahr 1669 hinaus, auf dem der letzte Hansetag zusammentrat.“

Salzwedel und die Zeit der Hanse

Handel und Wandel

Die große Zeit der Hanse beginnt mit einem kleinen Fluss, der Jeetze, die von Salzwedel bis Hitzacker an der Elbe ehemals schiffbar war. Weit reichten in der Zeit der Hanse die Verbindungen der Salzwedeler Patrizier, der Kaufleute und Handwerker. Bergen, Brügge, Nowgorod und London – überall waren die von Salzwedel ausgeführten Waren begehrte Handelsartikel.

Sehr zeitig erlangten die Salzwedeler Kaufleute bestimmte Handelsprivilegien und zeugten von der Vormachtstellung Salzwedels unter den altmärkischen Städten schon im 11. bis 13. Jahrhundert. Die günstige Lage von Salzwedel, an der Kreuzung der alten Salz- und Handelsstraße von Lüneburg über Salzwedel, eine Furt durch die Jeetze, weiter in Richtung Magdeburg sowie die Jeetze verliehen ihr eine hervorragende Stellung. (Gerhard Franke – Stadtarchivar 1990)

Vorraussetzung für einen weit reichenden Handel sind zu jeder Zeit günstige Verkehrsbedingungen. Der Handel auf dem Landwege aber war teuer. Ein mit vier Pferden bespannter Frachtwagen konnte bei schlechten Wegen nur mit 20-30 Zentner beladen werden. Der Wasserweg war bedeutend billiger, weil weit höhere Lasten befördert werden konnten. Der Elbe-Jeetze-Weg führte von Salzwedel die Jeetze abwärts über Lüchow.

Mit der Umleitung der Dumme in die Jeetze erhöhte sich der Wasserstand. So konnte die Schifffahrt sicherer gemacht werden. Außerdem diente sie zu Schutzzwecken an den Stadtmauern beider Städte. Die Salzwedeler Kaufleute lernten sehr schnell den Wert des Wasserweges gegenüber den unsicheren und schlechten Straßen dieser Zeit schätzen. Also besann man sich auf die Vorteile der Schifffahrt. Man verlegte den Einfluss der Dumme so, dass er in der Nähe des Hanse-Hofes in die Jeetze mündete. Der Hanse-Hof lag in der Nähe des Wassertores. Hier wurden die Schiffe be- und entladen.

Die Jeetze, die durch mehrere Arme durch Salzwedel verlief, floss am Ende der Neustadt wieder zusammen. Zu damaliger Zeit speisten die vielen kleinen Fließe sehr viel mehr Wasser in den Fluss ein, als wir es heute erkennen können, denn Salzwedel lag in einer sehr sumpfigen Niederung. Auf alten Abbildungen von 1625 und aus dem 18. Jahrhundert ist ein 50 bis 60 Meter breiter Fluss zu erkennen, der in vielen Windungen, die das Wasser ruhiger fließen ließen, der Elbe zufloss. Diesen flachen versumpften Fluss konnten nur sehr flache Schiffe befahren. Es war die „Schute“ ( auch Jeetzekahn), die 50 – 100 Zentner Waren befördern konnte.

Da die beiden Städte Salzwedel nun über einen schiffbaren Wasserlauf verfügte, konnten sie in das Bündnis der mächtigen Hanse aufgenommen werden.

Einen großen Anteil an der Aufnahme der Alten und Neuen Stadt Salzwedel in die Hanse hat ohne Zweifel ein Sohn unserer Stadt – Alexander von Salzwedel. Er wuchs in Lübeck auf, war angesehenes Ratsmitglied, Feldhauptmann und schließlich Bürgermeister der Stadt Lübeck.

Infolge seines hohen Ansehens, konnte er auch seiner Vaterstadt Salzwedel sehr nützlich werden, welche seit dieser Zeit von Lübeck außerordentlich begünstigt wurde.

So haben die Salzwedeler Kaufleute in Lübeck Zollfreiheit, sicheres Geleit und freien Handel genossen. Sein Einfluss reichte bis Hamburg und Visby. Die Lübecker Kaufleute hatten in Salzwedel und die Salzwedeler Kaufleute in Lübeck Kontore eingerichtet. Vieles aus dem Lübecker Recht wurde von Salzwedel übernommen; es galt hier bis zum Jahre 1808.

Beschrieben von August Wilhelm Pohlmann: Geschichte der Stadt Salzwedel seit ihrer Gründung bis zum Schlusse des Jahres 1810 – aus Urkunden und glaubwürdigen Nachrichten:

„Wenn Salzwedel in mehr als einem Betracht ein merkwürdiger Ort war, so war es dies vorzüglich in Absicht des Handels und des städtischen Gewerbes überhaupt. Man sagt wohl nicht zu viel, wenn man behauptet, dass Salzwedel in der Vorzeit (Mittelalter) der Mittelpunkt der Märkischen Handlung gewesen ist. Die vorteilhafte Lage der Stadt an der ehemals schiffbaren Jeetze, welche bei Hitzacker in die Elbe fällt sowie die Verbindung mit der so mächtigen Hanse und einheimischen Industrie verschafften ihr ein bedeutendes Ansehen unter den Städten des Vaterlandes.

Nicht allein zu Wasser, sondern auch zu Lande wurde von hier aus ein lebhafter Handelsverkehr betrieben. Man kann dies, außer an anderen Überbleibseln, noch aus der Bauart mehrerer alter Häuser schließen, welche nach den Bedürfnissen, der vom Handel lebenden Bewohner, eingerichtet waren.

Die Straße von Salzwedel nach Hamburg und Lübeck war immer mit Frachtfuhrleuten und Hin- und Herreisenden angefüllt. Schon frühzeitig hatten die Markgrafen aus dem Anhaltischen Hause, von denen einige sogar zu Salzwedel wohnten, der Verbreitung des Salzwedelschen Handels mit Vergnügen zugesehen und denselben auf alle Weise begünstigt.

Als ferner in der Mitte des 13. Jahrhunderts (1241) zur Beschützung des Handels gegen Land- und Seeräubereien der Hanseatische Bund errichtet wurde und die Stadt Salzwedel diesem Bunde beitrat, da bekam der Salzwedelsche Handel einen neuen Schwung. Honig, Wachs, Wolle, Tuch, Leinwand, Butter, Eichen- und Tannenholz, Stabholz, Bretter, Kuh- und Schafshäute, Waid, Kupfer, Zinn, Blei, Stahl, Eisen, Wein, Weizen und Roggen werden in den Urkunden namentlich als wichtige Handelsgegenstände genannt, die in der Ost- und Nordsee gelegenen Handelsstädten reichlichen Absatz fanden.

Die Leinwand wurde vorzüglich in den Wendischen Dörfern aufgekauft, welche ihren Gutsherren eine gewissen Anzahl Gespinnst entrichten mussten. Die Leinwand wurde in Packen verkauft, wovon ein jedes 2400 Ellen enthielt.

Es scheint auf den Anblick befremdend, unter den von hier ausgeführten Handelswaren auch Kupfer, Zinn, Blei, Stahl und Eisen angegeben zu finden, da die Mark nicht mit Bergwerken gesegnet war. Aber die Böhmischen Bergwerke, welche damals sehr gute Ausbeute gaben, lösen dieses Rätsel. Dagegen kamen aus den Niederlanden, besonders aus Flandern, Holland und Seeland, wohin sich der Salzwedelsche Handel erstreckte, verschiedene kostbare Waren als Rückfracht in Salzwedel an. So führte man namentlich aus Flandern ein: goldene und silberne Gefäße zum Gebrauch für Kirchen und Klöster, silberne Stangen zum Vermünzen, außerdem feine wollene Zeuge und feine Tücher von allerlei Farbe, wie auch Seesalz. Der Waid war als Färbekraut schon den Wenden bekannt. Durch die Niederländer wurde der Anbau desselben noch mehr befördert. Es gab Dörfer, welche zehntausend Taler und noch darüber, mit der Anpflanzung dieses Färbekrautes verdienten.

Im 16. Jahrhundert führte man Indigo aus Ostindien ein, wodurch der Gebrauch des Waids immer seltener geworden ist. Den Weinbau brachten die Rheinländer, welche Albrecht der Bär in seine entvölkerten Staaten zog. Sie waren in ihrem angestammten Vaterlande des Weins so gewohnt worden, als die geborenen Märker des Biers. Auf die Art entstanden die ersten Weinberge bei Stendal, Brandenburg und anderen Orten. Dass die Stadt Salzwedel auf ihrem Gebiete den Weinbau selbst getrieben, ist nicht wahrscheinlich. Mönche und andere Personen lieferten den Wein als Handelsware zum Verkauf.

Zu den Gegenständen des Salzwedeler Handels gehörten auch Heringe und Hopfen. Die Heringe wurden im 12. und 13. Jahrhundert häufig an den Pommerschen Küsten gefangen. Die Mark überhaupt und Salzwedel insbesondere waren der Handelsweg, den man mit den Heringen zu Wasser und zu Lande nach Hamburg zu machen pflegte.

Schon im Jahre 1248 wurde der Hopfen häufig ausgeführt, auch auf der Salzwedelschen Feldmark wurde er gebaut. Getreide durfte nur in fruchtbaren Jahren ausgeführt werden. Ein sehr weises Polizeigesetz! Sonst war die Handelsfreiheit durch nichts beschränkt.

Im Jahre 1263 erhielt die Stadt Salzwedel von den Lübeckern einen Freibrief, nach der Stadt Visby auf der Insel Gotland Handel zu treiben und sich eben der Rechte und Freiheiten zu bedienen, welche die Stadt Lübeck dort selbst hatte. Im Jahre 1283 nahm sogar die Stadt Hamburg die Salzwedeler als ihre Mitbürger in Schutz. Dadurch, dass Salzwedel der großen Hanse beigetreten war erwarb es sich Rang, Ansehen und Reichtümer.

Durch Lübeck, welches die Hauptstadt der ganzen Hanse war, die Konvente ausschrieb (Zusammenkunft zum Zweck der Vereinbarung, besonders über rechtliche und politische Angelegenheiten) und dabei die erste Stimme hatte, konnte Salzwedel seinen Handel über den ganzen Norden ausdehnen. Es war gewiss ebenso sicher, als ehrenvoll, ein Mitglied der mächtigen Hanse zu sein, welche den Sund und die Handlung nach Dänemark, Schweden, Polen und Russland mit Ausschluss aller übrigen Völker behauptete.

Das Haus auf der Neustadt, welches bis 1804 ein Eigentum der Rademinschen Familie war und am Wassertore der Neustadt liegt, war damals das Kaufhaus und Mittelpunkt hanseatischer Geschäfte; weiterhin lag der Packhof, wo die Güter aufgeladen wurden. Von hier aus segelten die Schiffe den Fluss hinunterwärts über Hitzacker nach Hamburg sowie über Möllen nach Lübeck.

Salzwedel war also ein Mitglied der Hanse und erschien deshalb mehrmals in den Versammlungen derselben, in welchen die Stadt wegen ihres beträchtlichen Handels Sitz und Stimme hatte. Die stärkste Warenversendung bestand in großen Tüchern, welche in den Altmärkischen Städten in großer Menge verfertigt wurden und nach Norden zur See gingen. Das Bett der Jeetze war damals reiner, tiefer und breiter, so dass wirklich Schiffe oder doch beträchtliche Fahrzeuge darauf gingen.

Im Jahr 1418 erschien die Stadt Salzwedel in der allgemeinen Versammlung der Hansestädte zu Lübeck und noch im Jahr 1474 unterhielt sei einen lebhaften Handelverkehr mit den Nordischen Städten. Dass bei so ausgebreiteten Handelsverbindungen namhafte Geldsummen in Umlauf gekommen und dadurch die Stadt zu einem blühenden Wohlstande gelangt war, kann man leicht denken. Bürger aus mehr als einem Stande hatten sich ein beträchtliches Vermögen erworben, dass sie selbst ihrem Landesherren bedeutende Summen als ein Darlehn vorstrecken konnten.

So blühend nun auch der Salzwedelscheu Handel im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert war, so fing er doch nach dieser Zeit an in eben dem Grade zu fallen, als er vorher gestiegen war. Als Hauptursache des Verfalls der Handlung kann man außer der am Ende des 15. Jahrhunderts geschehenen Entdeckung des Seeweges nach Ostindien durch Vasko de Gama, wodurch der Handel eine andere Richtung erhielt, die immer mehr zunehmende Macht der Fürsten angeben, welche von Zeit zu Zeit allerlei Auflagen und Einschränkungen machten und den Hanseatischen Bund als einen Staat im Staate betrachteten (Bierziese 1488).

Die Beschickungen zu den Versammlungen der Hanse fielen den Städten immer lästiger und so kamen sie nach und nach mit den Seestädten außer Verbindung. Zuletzt wurden sie sogar vom Bunde ausgeschlossen. Als die Stadt Salzwedel im Jahr 1554 und 1555 von neuem um die Wiederaufnahme ansuchte, so schlug man ihr dies deswegen geradezu ab, weil die Stadt Salzwedel sich im Anfang des 16. Jahrhunderts freiwillig von der Hanse getrennt und wegen des dem Brandenburgischen Kurfürsten schuldigen Gehorsams, nicht mehr die Verfassung und Ordnung der Hanse beobachten könne. Da nun überdies im Fortgang der Zeit das ganze Handelssystem auf einen anderen Fuß gesetzt wurde, so fing der auswärtige Handel an, nach und nach zu stocken und jetzt ist kaum ein Schatten davon übrig geblieben.

Eine Folge des erloschenen Seehandels war die allmähliche Versandung und Verschlammung der Jeetze, welche sich in ein engeres Bette zusammenzog und aufhörte, ein schiffbarer Strom zu sein, denn die wenigen Elbkähne, die sich zuweilen darauf blicken lassen, sind zwar für die Beobachter eine angenehme Erscheinung, aber für die Handlung von keinem wesentlichen Belang.“

Aus den Pohlmannschen Aufzeichnungen können wir die Zeit der Hanse vom 12. bis 16. Jahrhundert und damit das frühe Mittelalter nachempfinden.

Der Warenstrom aus der nördlichen Altmark konnte also ungehindert auf dieser lebenswichtigen Wasserstraße, der Jeetze, von Salzwedel aus in alle Zentren des Welthandels gehen.

Auf gleichem Wege brachten die Kaufleute reiche Rückfracht mit. Sogar Meersalz gehörte dazu, denn seit dem 14. Jahrhundert konnte das Lüneburger Salz den Bedarf nicht mehr decken. Die größeren Schuten wurden bei höherem Wasserstand der Jeetze eingesetzt und konnten dann bis etwa 180 Zentner an Lasten befördern.

Man muss bedenken, dass zur Zeit des Mittelalters, die wenigen alten Frachtstraßen in einem sehr schlechten Zustand waren. Zwischen Salzwedel und Lüchow gab es bis 1691 keine Straße, nur ein Fußweg führte an der alten Hoyersburg durch die Bruchwälder. Kein Fuhrwerk kam durch das Niederungsgebiet mit seinem morastigen Boden und ständig überschwemmten Sumpfwald, der Buchhorst, hindurch.

Mit der Zurückgewinnung der den Städten verliehenen Privilegien durch die Landesherren, bei uns den Brandenburger Kurfürsten im 15. und 16. Jahrhundert, verfiel auch die Macht der Hanse. Salzwedel verlor seine Bedeutung ganz allmählich. Der Großhandel und Umschlag für Waren aller Art in der nördlichen Altmark verlor sich in einen unbedeutenden, keinen großen Gewinn mehr versprechenden Kleinhandel.

Durch diesen wirtschaftlichen Niedergang der Jeetzeschifffahrt, des Handels im Allgemeinen, wuchs auch die Verschuldung der Stadt. Einen großen Teil des wirtschaftlichen Niedergangs trug auch der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) bei. Zu diesen Kriegswirren kam noch die Pest hinzu, die viele Menschen das Leben kostete. Die Bevölkerungszahl nahm rapide ab, wenige Häuser in jeder Straße waren noch bewohnt.

Auch brachen in der Zeit vom 16. – 18. Jahrhundert große Brände in der Alten und Neuen Stadt aus, die in den riedgedeckten Fachwerkhäusern reiche Nahrung fanden.

Handel und Wandel nach der Zeit der Hanse

All diese Ereignisse erschwerten den späteren wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beträchtlich. Nur die Tuchmacherzunft blühte auf, denn Tuch brauchten sowohl die Soldaten als auch die Bevölkerung. Salzwedel war wieder dabei, sich wirtschaftlich nach den Kriegen zu erholen. Bescheidene Handelsverbindungen – auch auf dem Wasserweg der Jeetze – waren wieder aufgenommen, als Friedrich der II. das Akzisesystem (Verbrauchssteuer) 1771/72 von Frankreich übernahm und in Kraft setzte. Anfang des 19. Jahrhunderts schreibt der Chronist Oldecop in seinen Aufzeichnungen, dass es „vorbei sei mit blühendem Handel, vorbei mit lebhaftem Geschäftsbetrieb mit dem benachbarten Hannover“. Im Jahre 1807 wurde Salzwedel französisch und kam zum Königreich Westfalen, in dem Napoleon seinen Bruder Jerome eingesetzt hatte. Die äußerst strengen Akzisebestimmungen dieser Zeit führten wiederum zum starken Rückgang des Handels und der Jeetzeschifffahrt.

Nach dem Sturz Napoleons im Jahre 1813 war Hamburg Dreh- und Angelpunkt ausländischer Waren – nun wurde der Verkehr auf der Jeetze wieder lebhafter. Der Handel mit Leinen bzw. Drell, einem besonders derben Stoff, ging um 1831 bis nach Südamerika. Der bescheidene Handel auf der Jeetze, insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist in hohem Maße den vielen kleinen Handwerksbetrieben der Tuchmacher und Leineweber zu verdanken. Die Ausfuhr dieser Produkte lief jetzt aber größtenteils über Braunschweig. Die Braunschweiger Messe galt als Mittler zwischen der nördlichen Altmark und dem Königreich Hannover. Aus dem Akziseregister kann man entnehmen, dass Tuche und Leinen sowie Flachs, Häute und Felle, Wolle, Seife, Lichte, Getreide, Bohnen und Ziegelsteine, von den vielen einheimischen Brennereien, über die Jeetze ins „Ausland“ gingen.

Während dieser Zeit waren Instandsetzungen am Wasserweg der Jeetze durchzuführen. Die Verlandungen mussten beseitigt werden, doch diese Arbeiten waren kostspielig und überstiegen den Etat der Stadt erheblich. Also wurden auch nur die allernötigsten Arbeiten durchgeführt. Und dennoch erholte sich der Handel wieder, und um 1860 bis etwa 1880/90 waren auf der Jeetze wieder Lastkähne unterwegs und der Handel florierte.

Salzwedel entwickelte sich um 1850 immer mehr zu einem landwirtschaftlichen Zentrum in der Altmark. Die geographisch äußerst günstige Lage der Stadt spielte dabei gewiss eine Rolle. Salzwedel hatte keine große Konkurrenz unter den altmärkischen Städten. Der Austausch der Waren durch die Salzwedeler Kaufleute, der Aufkauf von landwirtschaftlichen Rohprodukten aus den ländlichen Gegenden und Lieferung von Fertigprodukten gingen wieder voran. Jetzt wurde mit allen und allem gehandelt, was Gewinn versprach.

So zählen zu den Produkten u. a. hauptsächlich solche Waren wie Getreide, Kartoffeln, Düngemittel, Vieh, aber auch schon Südfrüchte, die so genannten „Kolonialwaren“. Alle großen Geschäfte des um die damalige Zeit viel größeren Kreises Salzwedel befanden sich in der Stadt.

Die Wasserader, die Jeetze, sie wurde wieder attraktiv. Der Jeetze/Jeetzel – Elbe – Wasserweg wurde wieder aktuell. Jetzt waren auch die Eisenfässer mit Petroleum, Eisenwaren und andere wichtige Güter an Bord. Als Mittler des Handels in der nördlichen Altmark erfüllte Salzwedel seine traditionelle Funktion. An Tagen mit günstigem Wind wurden die vorwiegend weißen oder roten Segel am Mast aufgezogen, um die Fahrt zu beschleunigen und die schwere Arbeit des Stakens der Kähne zu erleichtern. Nur wenige der Kähne warfen in Lüchow Anker, die meisten löschten ihre Fracht erst in Hitzacker.

Den alles entscheidenden Stoß ins Abseits für die Jeetzeschifffahrt versetzte ihr der Bau der Eisenbahnlinien und die damit schnellere Beförderung der Waren. Die Linie Stendal – Salzwedel ist am 27.09.1869 fertiggestellt, danach folgt am 15.05.1873 die Eisenbahnlinie Salzwedel – Uelzen (später Amerika-Linie genannt). Es folgen die Linien Salzwedel – Oebisfelde 1889, Salzwedel – Lüchow 1891, Salzwedel – Wittenberge 1922 sowie die Kleinbahnlinien Salzwedel – Diesdorf 1902, Salzwedel – Winterfeld 1902 und die Linie nach Osterburg. Damit besaß Salzwedel gute Nah- und Fernverbindungen. So verdrängte das neue, kostengünstigere, schnellere Transportmittel schließlich immer mehr den Warentransport auf der Jeetze. Der letzte Kahn zum Transport von Waren legte 1908 vom Hafen ab.

Die neue Hanse

Die niederländische Stadt Zwolle lud im Jahre 1980 anlässlich ihrer 750-Jahr-Feier zu einem Hansetag ein. Sie wollte damit an die alte Tradition der Hanse anknüpfen, der Zwolle angehört hatte. Der Anlass war, dass bei der Vorbereitung des Jubiläums im Stadtarchiv von Zwolle ein Brief aus dem Jahre 1294 entdeckt worden war. Darin hatte Zwolle als erste Stadt des Hansebundes die Stadt Lübeck als „Haupt der Hanse“ anerkannt.

Zum Handelstag in Zwolle – dem ersten Hansetag seit 1669 – kamen Vertreter aus 43 ehemaligen Hansestädten. Die Idee, den Hansetag wieder aufleben zu lassen, war geboren. Vertreter von 11 Städten fanden sich in Zwolle zur Bildung einer Hansekommission nach altem Vorbild zusammen. Den Beschluss zur Veranstaltung der Hansetage der Neuzeit fasste die Kommission auf einer Sitzung am 19. Februar 1981 im Lübecker Rathaus. Dabei wurde festgelegt, dass entsprechend der Tradition auch bei den Hansetagen der Neuzeit der Lübecker Bürgermeister regelmäßig den Vorsitz der Hansesitzungen innehaben sollte. Zu den Hansetagen der Neuzeit sollten alle ehemaligen Hansestädte eingeladen werden sowie alle Städte, die im Mittelalter Sitz von Hansekontoren waren.

Die Vertreter der Hansestädte waren sich bei der Wiedereinführung der Hansetage darin einig, dass für die Tagungen neue Inhalte gefunden werden mussten. Man kam überein, unter dem Generalthema „Die Stadt als Lebensform“ die Gegenwartsprobleme der Städte zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Da es sich bei den Mitgliedern des ehemaligen Hansebundes überwiegend um Städte mit alten, historischen Stadtkernen handelte, standen zunächst Themen wie Denkmalschutz, Restaurierung und Sanierung im Vordergrund der Beratungen in den Arbeitsgruppen. In jüngerer Zeit kamen Fragen des Umweltschutzes, speziell der Reinhaltung der Ostsee, der Bedeutung des Binnenmarktes für die Städte und die Förderung von Wirtschaftsbeziehungen hinzu.

Nach dem Zusammentreffen von 44 Städten (einschließlich Gastgeber) in Zwolle waren beim zweiten Hansetag der Neuzeit 1982 in Dortmund bereits 56 Städte vertreten. Zum 3. Hansetag 1983 in Lübeck kamen 68 Städte aus neun Ländern. Inzwischen nehmen regelmäßig über 100 Städte aus ganz Europa an den Hansetagen teil. Bewerbungen von Städten um die Veranstaltung von Hansetagen liegen bis zum Jahr 2030 vor.

Seit dem Hansetag in Zwolle im Jahr 2000 hat die Hanse eine Satzung, zu deren Einhaltung sich alle Mitgliedsstädte per Unterschrift verpflichtet haben. Die Satzung regelt die Organisation, die Ziele und Projekte der Hanse. Sie schreibt beispielsweise die Existenz eines Hansebüros am Amtssitz des „Vormannes“ und einer Jugendorganisation fest. Diese wurde bereits 1998 auf dem Hansetag in Visby gegründet und nennt sich Youth Hansa.

Die Stadt Salzwedel hatte sich schon im Jahre 1993 auf dem Hansetag in Münster um die Ausrichtung des 28. Hansetages im Juni 2008 beworben. Am 9. März 2002 fand das 1. Hansesymposium im Rathaussaal in Salzwedel statt. Frau Inger Harlevi aus Visby – sie ist die 1. Stellvertreterin des Hansevormannes – sprach zunächst über die Historische Hanse. Seit 1980 kommen Vertreter verschiedener Länder und Städte auf Hansetagen zusammen, deshalb ist die Hanse auch heute wichtig.

Die moderne Hanse entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren in drei Stufen:

  1. Das 1. Jahrzehnt war für die westeuropäischen Städte ein Wiedertreffen der Menschen. Die Hansestädter brachten ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass die Hanse wieder lebt – man erinnerte sich an alte Traditionen und Gebräuche.
  2. Die 2. Phase begann um 1989 mit der „Wende“. Jetzt kamen auch die osteuropäischen Städte hinzu. Neue, größere Aufgaben kamen auf den Hansetag zu. In diesen Städten musste ein Geschichtsbewusstsein wieder entwickelt werden. Auch waren „Aufbauhilfen“, z. B. für die Kathedrale in Novgorod erforderlich und man musste sich wieder „kennen lernen“. Westeuropäische Städte traten von der Ausrichtung des Hansetages zurück, wenn sich eine osteuropäische Stadt darum beworben hatte, beispielsweise Lünen gab an Danzig ab.
  3. In der 3. Phase wurden ebenfalls alte Kontakte wiederbelebt. Auf dem Hansetag in Riga 2001 einigte man sich auf eine feste Struktur innerhalb des Bundes. Sie hat folgende Organe: die Delegiertenversammlung, die Kommission und das Präsidium. Zu ihren Einrichtungen gehört das Hansebüro, der Hansetag, Projektgruppen und Jugendhanse. Die Kommission besteht aus 20 Mitgliedern. Deutschland wählt aus fünf seiner Hansestädte je einen Vertreter, die übrigen Länder je ein Mitglied.

Nicht nur Vorteile, sondern auch Verantwortung bringt es mit sich, dass die Altmark im wichtigsten Leitungsgremium der Hanse, der Hansekommission, den gesamten mitteldeutschen Raum, also die Landeshauptstadt Magdeburg, Halle und auch Frankfurt/Oder, vertritt. Gegenwärtig ist der Bürgermeister der Stadt Salzwedel gewähltes Kommissionsmitglied.

Die Bekanntheit und Akzeptanz von Salzwedel als Hansestadt ist in den letzten Jahren nicht nur durch die aktive Beteiligung der Stadt u. a. an den Hansetagen in Visby (1998), Oldenzaal (1999), Zwolle (2000), Riga (2001), Brügge (2002), Frankfurt/Oder (2003), Turku (2004), Tartu (2005) und Osnabrück (2006) stetig gewachsen.

Jährlich reisen Vertreter der Stadt in deutsche Hansestädte, um Kontakte zu knüpfen und um die Stadt mit ihren Bewohnern, ihrer Wirtschaft und ihren kulturellen Kleinoden bekannt zu machen. Besonders eng verbunden ist Salzwedel allerdings mit der Partnerstadt Wesel am Niederrhein. Schon 1991 zum Hansetag in Wesel – mit dem Motto „HANSE-BAND ohne Grenzen“ – war Salzwedel durch Vertreter der Stadt und Kulturgruppen vertreten.

Zur Vorbereitung „unseres“ Höhepunktes, dem Internationalen Hansetag 2008 in Salzwedel, sind sehr viele Einzelaktivitäten notwendig. Hier engagieren sich Bürger, Institutionen, Vereine, Kommunen und private Unternehmer mit dem Ziel, den Hansetag in den historischen Mauern Salzwedels für die ganze Region als ausstrahlendes Ereignis zu gestalten.

Die Hanseatische Gesellschaft ist sehr um die Erhaltung der Reste der Hl. Geist Kirche bemüht. Zunächst wurde der Innenraum einer gründlichen Aufarbeitung unterzogen und Gelder für die Neuverglasung von 11 Fenstern gesammelt, um den Raum vor Witterungsunbilden zu schützen. Eine Bauhütte soll auf dem Klosterareal entstehen – auch um das mittelalterliche Handwerk zu zeigen. Später einmal wird diese Klosterkirche kulturell genutzt.

Das hanseatische Meeting im Jahr 2008 ist eine Chance und Aufgabe, zunächst für die ausrichtende Stadt, aber auch für die Altmark als Region.

Bleibt nur noch nachzusetzen, dass heute etwa 240 Städte Mitglied im Hanseverbund sind, davon ist die Hälfte aktiv tätig.

Quellen und Literaturverzeichnis
  1. Beranek, Josef: Wegweiser durch die 750jährige Stadt
  2. Salzwedel 1233 – 1933: Beiträge zur 700jährigen Stadtgeschichte
  3. Das alte Salzwedel, Messbildaufnahmen Salzwedeler Baudenkmale von 1907, (1993)
  4. Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmale. Der Bezirk Magdeburg, Berlin 1974
  5. Pohlmann, August Wilhelm: Geschichte der Stadt Salzwedel seit ihrer Gründung bis zum Schlusse des Jahres 1810 – Stadtarchiv Salzwedel
  6. Stappenbeck, William: Salzwedel einst und jetzt. Maschinenmanuskript-Stadtarchiv Salzwedel
  7. 750 Jahre Neue Stadt Salzwedel. Stadt Salzwedel 1997
  8. Bracker, Jörgen: Die Hanse „Lebenswirklichkeit und Mythos“  – Stadtarchiv Salzwedel
  9. Dollinger, Phlippe: Die Hanse 1966
  10. Ziegler, Uwe: Die Hanse – Kulturgeschichte von Handel und Wandel
  11. Sommerfeld, Arno: Hansestadt Salzwedel.  Ein Rundgang durch die Geschichte der Stadt
  12. Stoob, Heinz: Die Hanse (1995)
  13. Leben im Mittelalter – Alltag und Feste (1999)
  14. diverse Zeitschriften: „Geschichte mit Pfiff“
  15. Tourist-Information Salzwedel – Info-Material, Text: Ursula Paul, Fotodesign: Richard Mader (2001)

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