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Mrz/10

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Friedrich Meinecke

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Friedrich Meinecke (1862 – 1954)

Als Geschichtswissenschafter ist Professor Friedrich Meinecke, am 30.* Oktober 1862 in Salzwedel geboren, auch 50 Jahre nach seinem Tod immer noch eine internationale Koryphäe. So berichtete der Redakteur Holger Benecke aus dem Altmarksaal der sachsen-anhaltinischen Vertretung in Berlin.

Eine Salzwedeler Delegation stand am Mittwoch, den 10.3.2004 in Berlin im Mittelpunkt des Interesses. In der Landesvertretung ehrte die Freie Universität den Namensgeber ihres Geschichtsinstituts, Prof. Friedrich Meinecke, den großen Sohn der Stadt Salzwedel. Zur Abordnung aus der Hansestadt gehörten auch Buchhändlerin Helga Weyhe, die Prof. Meinecke noch persönlich gekannt hat, sowie Tischlermeister Manfred Schnöckel, der sich um die Pflege des Geburtshauses als Denkmal verdient gemacht hat.

Am 8. Mai 1999 wurde an diesem Haus in der Sankt-Ilsen Straße, durch die Enkeltochter des Professors eine Ehrentafel enthüllt.

Der prominente Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Rüdiger vom Bruch von der Humboldt-Universität zu Berlin würdigte Meineckes „Gelehrtenleben zwischen Bismarck und Adenauer“. Er stellte die außerordentlichen Leistungen Meineckes für die Geschichtswissenschaft und für die politische Kultur in Deutschland als wissenschaftlichen Autor, Hochschullehrer und späteren Gründungsrektor der Freien Universität Berlin in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.

Im März 2004 fand im Salzwedeler Rathaussaal der „2. Salzwedeler Archivabend“ statt. Stadtarchivar Steffen Langusch, der Organisator dieser historischen Abende, hatte aus aktuellem Anlass das Thema: Friedrich Meinecke und die Spuren seiner Familie in der Jeetzestadt auf die Tagesordnung gesetzt.

Über diese Spuren in der Jeetzestadt während der Jahre 1862-1871 berichtete Friedrich Meinecke in seinem literarischen Beitrag zur 700 Jahrfeier [1932] in Salzwedel.

Aus eigenen Erinnerungen

in Auszügen:

„Meine eigenen Jugenderinnerungen an Salzwedel widme ich meiner Vaterstadt. Die Wurzeln meiner geschichtlichen Arbeit liegen sozusagen um das Neuperver Tor herum. Salzwedel war in meiner Kindheit anfangs noch ohne Eisenbahn und nur auf die Postkutsche angewiesen. So klingt in meine ersten neun Lebensjahre, die ich hier verbrachte, das Posthorn immer fröhlich schmetternd hinein.

[Seit 1811 lag die Post in den Händen der Postdirektoren Großvater Meinecke für 38 Jahre und dessen Sohn Ludwig Meinecke von 1850 bis 1870. Friedrich wurde am 30.10.1862 geboren und lebte bis 1871 in Salzwedel, eine Zeit, die, wie er selber sagte, ihn sehr prägte.]

Salzwedel ist ein echtes norddeutsches, genauer schon nordwestdeutsches Kleinstädtchen, voll jener intimen Reize, die man aus Raabes Erzählungen kennt. Es liegt umgeben von einem Kranze reicher Bauerndörfer und einiger Rittergüter – den alten Rittersitzen der Schulenburgs und Knesebecks, die einst als Landeshauptleute, die Altmark verwalteten.

Die Niederung, in der es liegt, wird durchzogen von der Jeetze, einem Sumpf- und Wiesenflüsschen, das in sonderbaren Verzweigungen und Windungen, einem Darmgeschlinge vergleichbar, auch die Stadt umgibt und durchfließt. Manches Straßenbild erinnert an ein Klein-Venedig oder um ein deutscheres Gleichbild zu wählen, an den „Kleinfrankreich“ genannten, aber gar nicht französisch anmutenden Stadtwinkel in Straßburg, den ich als dortiger Professor vor 30 Jahren [um 1901] oft mit heimatlicher Erinnerungsfreude angeschaut habe. Die alten Fachwerkhäuser nebst Vorbauten mit leicht erkennbarer Bestimmung ragen hinüber über das träge Wasser. Wenn die Jeetze aber in die Gärten hinausfließt, die längs den Resten der alten Stadtmauer, von dieser mit durchzogen, liegen, nicken die Flieder- und Rotdornbüsche hinein.

Von ihr sagt man: – Meistens steht se, selten jeht se, nur wenns mal jeregnet hat. –

Der altmärkische Kleinstädter liebt einen dicht bepflanzten Garten mit recht viel Beeten, schmalen Wegen und alten Bäumen. Wenn die Sonne nicht hineinkommt, muss es der schwere schwarze Boden schaffen und bringt auch in strotzender Fülle Tulpen, Schwertlilien und Stiefmütterchen in den verstecktesten Winkeln hervor.

Eine Wonne war es für den Knaben, auf der Jeetze Kahn zu fahren, nicht etwa richtig zu rudern – dazu war sie zu schmal – sondern mit langem Stoßruder, das in den moorigen Grund gestoßen wurde, sich vorwärts zu stoßen, durch Wiesen mit reichstem Wuchse zu sumpfigen Wäldern hin, in denen es geheimnisvolle Stellen mit märchenhaften Sumpfblumen gab,
Auch das Angeln hab ich als Bub im Garten des Elternhauses, der auch das Glück hatte, an der Jeetze zu liegen und parallel mit ihr von der Stadtmauer durchzogen zu werden, mit mäßigem Erfolge betrieben.

Alle meine ersten Eindrücke von Schönheiten und Geheimnissen der Natur die sich zu allen späteren Naturempfindungen wie die Goethesche Urpflanze zu ihren Metamorphosen verhalten, erhielt ich an jenen Stätten.

Auch für andere meiner Geschmacksrichtungen liegt die Wurzel in den Salzwedeler Jugendeindrücken. Eine Liebe für die kleinen alten Häuser, an deren schmalen oder breiten Türen die Messinggriffe blinkten und in deren Giebelzimmer ich mich als Knabe mit meinen Büchern hineinwünschte, ist mir immer geblieben, auch inmitten der Großstadt.

Und wie viel selbstverständlich-naiven geschichtlichen Sinn habe ich in Salzwedel ein- und ausgeatmet. Selbstverständlich war es, dass Salzwedel, wie mein Vater gern betonte, die „Wiege des preußischen Staates“ war, denn die Burg Albrechts des Bären, ein riesiger, alter roter Rundturm, lag in ihren Mauern. Alte gotische Stadttore, aus denen noch harmlose Kanonenrohre hinausragten, unterbrachen diese Mauern. Der Garten des Elternhauses stieß unmittelbar an das Neupervertor. Und an dieser Stelle haftet sogar meine eigene erste, ganz wirklich historische Erinnerung, zugleich die erste deutliche Erinnerung an ein Factum aus meiner Kinderzeit überhaupt.

Es war im November 1865, als König Wilhelm und Bismarck der königstreuen Stadt einen Besuch abstatteten. Sie zogen zum Neupervertor ein, und meine Eltern hatten am Rande des Gartens, zwischen Stadtmauer und Jeetze einen Tisch gestellt, von dem ich die Einziehenden sehen konnte.

Ich sehe die Reiter und Kutsche noch vor mir, aber da fiel ich herunter, schlug mir die Stirn blutig an einem Steine und wurde brüllend von meiner Schwester, die mich vor einem weiteren Herunterrollen in die Jeetze bewahrte, davongetragen. „Das war also Dein erster historischer Reinfall“ sagte mir mein alter Freund, der Bismarckbiograph Erich Marcks, dem ich es einmal erzählte.

Überall lebte man im Alten und in den natürlichen Fortpflanzungen des Alten. Eine hohe Kunst in Architektur, Bildwerk und Schmuck hat zwar – von der kürzlich neu gewürdigten „Salzwedeler Madonna“ der Marienkirche vielleicht, niemals hier geblüht.
Immerhin spürt man die Nachwirkungen der mittelalterlichen Bau- und Kunstformen bis in die Erzeugnisse des 17. Jahrhunderts hinein. In der Katharinenkirche sieht man eine Serie von Apostel- und Prophetenbildern im Kostüm der Zeit um 1600, und in der Mönchskirche ein Bild vom Weinberge auf dem Luther als Führer der rechten Arbeiter, der Papst als Störer der rechten Arbeit erscheint, Melanchthon aber den Brunnen des Lebens säubert.

Wie merkwürdig ist die alte Marienkirche der Altstadt, deren Turm mit hohem spitzen Kupferdach das Wahrzeichen der Stadt ist. Alles innere Gerät in den Kirchen zeigt die stufenweisen Übergänge von Gotik in Barock und Zopfstil [1770-1795], und meinem Kinderauge prägten sich alle diese Altertümlichkeiten so fest ein, als ich sie jetzt wiedersah. [1932]

Unter den Gilden und Zünften der Stadt war von alters her die Gewandschneidergilde die vornehmste. Immerhin stand die Grußmutter Friedrichs- auch als Frau Postdirektor, im Jahre 1814 Taufpatin bei der Tochter des Landrats Ludwig von Westphalen – Jenny -, gleichbürtig neben Frau von der Schulenburg und Frau Apotheker Zechlin. Diese Gilde bestand noch, und Vater und Großvater gehörten ihr an. Du bist ein Gildesohn, wurde mir gesagt, und als Student konnte ich später auch ein Stipendium dieser Gilde beziehen.

So pflanzenhaft auch dies Kinderleben in der Kleinstadt blieb, so trugen doch Phantasie und Zeitereignisse den kindlichen Geist schon hier und da in ahnungsvolle Fernen. Die Kunde von Gebirgen reizte mich, darum strebte ich gerne zu dem eine Stunde von der Stadt entfernten „schwarzen Berge“, einer sehr bescheidenen Hügelkette, und als ich hörte, dass er zum „uralisch-baltischen Höhenrücken“ gehöre, wurde ich stolz.

Einmal kam ein richtiger Lastkahn bis nahe der Stadt, da hörte ich vom Vater mit Spannung, dass er bis nach Hamburg, nach dem Meere fahren werde.
Und die vielen, prachtvollen Hünengräber unter alten Bäumen in der Umgebung der Stadt beschäftigten erst recht meine Phantasie.

Ich begleitete die altmärkischen Ulanen, die Reiter von Mars la Tour, beim Auszuge im Juli 1870 aus dem Neupervertor. Die Ulanen waren ja unsere guten Freunde, durch einen von ihnen kam merkwürdigerweise eine Ausgabe von Eichendorffs -Leben eines Taugenichts- in meine Hände, die ich dann später immer wieder verschlungen habe und noch heute besitze.“

Dieser Artikel von und mit Friedrich Meinecke soll mit Worten enden, die sein ganzes Leben umfassten.

„Alles was wir erleben, ist symbolisch zu fassen, deutet aufeinander, ist transparent füreinander. Das Meiste, was wir in unserem Leben tun, rühret von denen Verbindungen und Umständen her, in die uns frühe die Vorsehung setzet. Morgenröte des Lebens, Jugendeindrücke, frühe Freunde, Situationen von Jugendhass und Jugendliebe – sie machen meistens den Anklang unserer Bestimmung. Sie weben das Grundgewebe, in welches spätere Schicksale und reifere Vernunft uns den Einschlag geben“.

* Auszug aus dem Geburtsregister der St. Katharinen Gemeinde: “Am 30.10.1862 morgens um 4 Uhr wurde Rudolf Ludwig Theodor Friedrich Meinecke im Haus in der St. Ilsenstrasse 782 geboren.”

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