Weliki Nowgorod – eine sagenhafte Geschichte

Wo im Frühling die Nacht so hell bleibt wie der Tag und in eisiger Höhe Nordlichter flammen, liegt an den sandigen Ufern des Wolchow Nowgorod, die berühmte Handelsstadt.
Längs des Wolchow, der in gestrecktem Bogen gemächlich dahinfloss, wohnten Handwerker und Fuhrleute, die Fischer und Jäger. Ihre Häuser, aus dicken Eichenbalken gefügt, waren rot und gelb bemalt. Kunstvolle Schnitzereien zierten die Giebel und Fensterrahmen. Überhängende Dächer schirmten geräumige Innenhöfe, in denen Leinwand und Felle, Netze und Reusen ausgebreitet lagen.
Nowgorods mächtige Kaufherren schritten in perlenbesetzten Gewändern einher. Wie die Fürsten trugen sie lange goldene Halsketten. Der Handel hatte sie reich gemacht. In ihrem Auftrag errichteten erfahrene Meister Warengewölbe und Prunkbauten, deren Dächer sie mit Gold belegten. Keine andere Stadt gebot über soviel Land und Meer.
Die Nowgoroder waren kühne Seefahrer. Geschickt steuerten sie ihre Fracht über die Untiefen und Strudel der russischen Ströme und trieben Handel mit den Schätzen ihres Landes. Auch zu fremden Küsten segelten sie. In den skandinavischen Häfen kannte man ihre schnellen Boote ebenso wie in Konstantinopel, der glanzvollen Residenz des türkischen Sultans.
Aus allen Himmelrichtungen kamen die Kaufleute, um in Nowgorod ihre Waren feilzubieten. Bord an Bord lagen auf dem Wolchow, der die Stadt mit dem Ladogasee und mit der Ostsee verbindet, bauchige Koggen und purpurfarbene Schaluppen. Silberbeschlagene Masten schwankten, seidene Segel bauschte der Wind. Wer nach China oder dem Orient unterwegs war, Edelsteine und seltene Gewürze einzukaufen, unterbrach hier seine Reise. Jeder Markttag versprach hier hohen Gewinn!
Wie riesige Goldhelme gleißten die Kuppeln der Sophienkathedrale und überstrahlten selbst den Glanz der Sonne. In allen Sprachen der Welt priesen die Händler ihre Waren an. Meterhoch lagen feine Tuche und golddurchwirkter Brokat gestapelt. Fische und Fleisch, Kwass (= ein aus Mehl, Malz oder Brotbrei durch Gärung gewonnenes Getränk) und Honigwein (Met) standen in großen Fässern bereit.
Künstler und Gelehrte kamen von weit her, gründeten Schulen und verbreiteten kluge Gedanken. Von Kindheit an lernten die Bürger lesen, sie schrieben auf Birkenrinde oder Pergament und übten sich in fremden Sprachen. Die steinernen Gewölbe der Kirchen bargen Bücher von unschätzbarem Wert.
Besonnene und umsichtige Männer rieten, rings um die Stadt einen Wall zu bauen. Wie oft schon, fielen von Norden und Süden räuberische Heerscharen in das russische Land ein, plünderten, brandschatzten und töteten Frauen und Kinder. Um die Bewohner vor weiterem Unheil zu bewahren, hoben sie Gruben aus, karrten Sand herbei, rammten Pfähle ins Erdreich und schichteten Steine. Bald war das Bollwerk aus behauenen Felsblöcken und roten Ziegeln errichtet. Bis zu den Ufern des Wolchow zog es sich hin. Bedrohten Feinde die Stadt, so griffen die Bürger zu den Waffen und verriegelten die eisernen Tore. Selbst den wilden Horden des Khans Batu (ein Enkel des Dschingis-Khan-13. Jahrhundert; er unterwarf auf seinen Kriegszügen nach Osteuropa die Mehrzahl der russischen Fürstentümer für 250 Jahre) widerstand der Ring aus Stein und Erz. Unbezwingbar war die Stadt – bis heute kündet die steinerne Festung von den alten Zeiten.
In den überlieferten Handschriften lesen wir auch von Sadko, der im 12. Jahrhundert in Nowgorod lebte und als wohlhabender Kaufherr eine Kirche stiftete. Er verdankte seinen Reichtum allein dem tüchtigen Handelssinn.
Sadko wurde Mitglied in der berühmten Gilde der Nowgoroder Kaufleute. Durch Fleiß und Geschicklichkeit wurde Sadko bald der angesehenste Kaufherr im ganzen Land. Seine Speicher quollen über von Waren. Bei den Jägern kaufte er kostbares Pelzwerk auf. Die Bauern brachten ihm Honig und Wachs, die Fischer ihren Fang. Gold und Silber von unermesslichem Wert häuften sich in den Lagerhallen. Sadko kannte sich aus in Geschäften; er war hilfsbereit und freigiebig und wurde von Arm und Reich geachtet. Die Ältesten und Weisesten der Stadt wählten ihn eines Tages zu ihrem „Sprecher“. Er galt als verständig, klug und gerecht gegen jedermann. Deshalb erhielt er Sitz und Stimme im Rat. Als Kaufherr hatte er Ruhm erworben, nun wirkte er fortan zum Wohle der Stadt.
Eines Tages rüstete Sadko zur Fahrt in ferne Städte und Länder. Die Schiffer nahmen Kurs auf den Ladogasee; dort machten sie die Segel klar. Die Newa abseits erreichten sie das offene Meer. Sie fuhren der Sonne nach, bald gelangten sie an die deutsche Küste. In Stralsund, der berühmten Hansestadt, warfen sie Anker. Handelsschoner aus aller Welt hatten im Hafen festgemacht. Sadko befahl, die Schiffe zu vertäuen.
Er begab sich zum Haus des Rates. Speicherhallen säumten seinen Weg. Gässchen taten sich auf, dicht an dicht drängten sich Werkstätten und die Buden der Händler. Erstaunt blickte Sadko auf die hochragenden Spitzdächer der Kirchen mit dem aufgesetzten Glockenturm, sie sahen so ganz anders als die Kuppelbauten von Nowgorod.
Bald gelangte er zum Marktplatz. Das Rathaus überragte mit seinem Giebel aus gelben, roten und dunkelgrünen Steinen die umstehenden Fachwerkbauten. Beim Bürgermeister entbietet er seinen Gruß und bittet seine Waren in der Hansestadt feilbieten zu können. „Mit freundlichen Worten entgegnen die Ratsherren: Wir preisen uns glücklich, so weitgereiste Gäste Willkommen zu heißen. Ihr gehört zum Bund der Hanse. Freier Handel sei euch gewährt.“
Auf Sadkos Schiffen bargen sich Schätze des russischen Landes: edles Pelzwerk vom Silberfuchs, von Wiesel, Nerz und Hermelin und köstliche Fische, wie Stör, Hausen (größter zum Störgeschlecht gehörender Fisch) und Lachs. Mancherlei Köstlichkeiten zählte er auf, und die Herren des Rates hörten es mit Wohlgefallen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, dass Schiffe aus der reichen Wolchow-Stadt eingetroffen seien. Kauflustige umlagerten die ausgebreiteten Waren. Abgesandte des pommerschen Herzogs zahlten hohe Summen für abgerichtete Falken, die an allen Fürstenhöfen als Jagdvögel begehrt waren. Sadko tauschte Honig und Wachs gegen Teppiche und Seidengarn, Walrosszahn und Leder gegen Brokatstoffe und feines Tuch.
Bald kannte man die Nowgoroder Flotte in allen Hansestädten. Häufig wurde ihnen für ihre Waren der doppelte Preis geboten. „Als die Anker lichteten und sie wieder nach Nowgorod segelten, gingen die Schiffe tief vor Last. In ihren Leibern lagerten Tonnen von Gold, Silber und Edelgestein.“ Reichen Gewinn brachten sie ihrer Stadt. Güter aus aller Herren Länder wurden über die schmalen Stege ans Ufer getragen: Salz und Getreide tonnenweise, eisernes Ackergerät, Säcke voll duftender Gewürze, Tuche aus Flandern, feines polnisches Linnen und florentinische Seide in leuchtenden Farben. Eherne Gefäße, gefüllt mit Diamanten und Perlen, bildeten den Abschluss.
Für St. Nikolai, den Beschützer der Seefahrer, stiftete Sadko eine Kirche. Unermüdlich schafften die Bauleute, sie klopften und hämmerten. Als das Werk vollendet war, strahlte die riesige Kuppel in tiefem Meeresblau. Weiße Sterne glitzerten darauf wie flockiger Schaum auf dunkler Flut. Die Wölbungen der Rundgiebel ähnelten den Wellen der wogenden See. Feiertags gingen die Bürger der Stadt dorthin, den Schutzheiligen zu verehren. Auf den Emporen saßen die Kaufleute, schrieben Preislisten, unterzeichneten Handelsverträge und rechneten den Gewinn aus. In den Steingewölben der Kirche wussten sie ihre Waren vor Brand und Schaden sicher aufbewahrt.
Von Generation zu Generation gaben Sänger das Lied des Sadko weiter. Solange der Wolchow an den Tuchhallen des alten Handelshofes vorüberfließt, und die goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale über der Stadt leuchten wird die „Sage von Sadko, dem berühmten Guslispieler“ und Kaufmann aus Nowgorod, nicht vergessen sein.
Quelle: Sadko der Sänger aus Nowgorod von Anneliese Graßhoff (1985)
